Vergebung
Daniel Schenk
Versuchen wir uns einen Augenblick lang vorzustellen, wie es wäre, wenn es keine Vergebung geben würde. Es wäre zum Verzweifeln, denn vor Gott ist jeder Mensch schuldig.
Rö.3.9+10: „Denn wir haben sowohl Juden als Griechen zuvor beschuldigt, dass sie alle unter der Sünde seien, wie geschrieben steht: „Da ist kein Gerechter, auch nicht einer.“
Rö.3.23: „Denn es ist kein Unterschied, denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes.“
Rö.5.12: „Und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben.“
Also hätten wir nichts anderes zu erwarten, als das Gericht und das Verderben. Wir könnten Gott nicht zwingen, uns zu vergeben. Vergebung ist immer aus Gnaden und vom Willen dessen abhängig, der Grund zur Anklage hat. Es gäbe auch keine Möglichkeit, unsere Schuld gegenüber Gott irgendwie zu begleichen. Weder Opfer noch gute Werke, auch keine Bussübungen könnten irgendeine Sünde aufheben oder vergeben. Wie sehr Schuld gegenüber Gott die Menschen belastet und wie sie verzweifelt versuchen, sie wegzuschieben, sehen wir schon nach dem Sündenfall bei den ersten Menschen. Sofort fing die Schuldverschiebung und -Zuschiebung an. Adam sagte: „Die Frau, die du mir zur Seite gegeben hast, sie gab mir von dem Baum, und ich ass“. Damit gab er der Frau und indirekt auch Gott die Schuld. Eva versuchte die Schuld weiter zu schieben indem sie sprach: „Die Schlange hat mich getäuscht, da ass ich“. Es gibt aber nur einen Ort, wo wir die Schuld hinschieben können, ohne dass sie auf uns zurückfällt. Einzig das Opfer Jesu Christi und die Gnade Gottes bilden im Neuen Bund die Grundlage für Vergebung.
Was bedeutet Vergebung
Es gibt nur eine Alternative zu Vergebung, und das ist Verurteilung und Strafe. Vergebung bedeutet Erlass von Schuld und Strafe. Es handelt sich dabei nicht nur um übersehen oder verharmlosen der Schuld, sondern um Befreiung davon. Sündenvergebung wäre nicht möglich, ohne die Erlösung, die durch das Opfer Jesu vollbracht wurde. Wenn unsere Sünden vergeben sind, dann sind sie von uns weggenommen. Somit gibt es dafür auch keine Strafe mehr, denn diese hat Jesus getragen. Er bezahlte mit Seinem Blut für unsere Schuld, denn: „Ohne Blutvergiessen gibt es keine Vergebung“ (Hebr.9.22). Wenn dies schon im Alten Bund bei den unvollkommenen Opfern von Tieren der Fall war, so trifft dies umso mehr zu bei Jesus, der das ein für alle Mal gültige Opfer des neuen Bundes gebracht hat. Durch Ihn wurde eine völlige Vergebung gebracht. Jesus sprach bei der Einsetzung des Mahles: „Denn dies ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Matth26.28). Wir finden in der Schrift 192 Stellen, die von der Vergebung reden. Nachfolgend sind einige davon aufgeführt:
Jes.33.24: „Und kein Einwohner wird sagen: Ich bin schwach. Dem Volk, das darin wohnt, wird die Schuld vergeben sein“.
Apg.10.43: „Diesem geben alle Propheten Zeugnis, dass jeder, der an ihn glaubt, Vergebung der Sünden empfängt durch Seinen Namen“.
Apg.26.18: „Damit sie Vergebung der Sünden empfangen und ein Erbe unter denen, die durch den Glauben an mich geheiligt sind“.
Eph.1.7: „In Ihm haben wie die Erlösung durch Sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum Seiner Gnade“.
Kol.1.14: „In Ihm haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden“.
Kol.2.13: „Indem Er uns alle Vergehungen vergeben hat; als Er die uns entgegen stehende Handschrift in Satzungen, die gegen uns war, ausgetilgt, hat Er sie auch aus der Mitte weggenommen, als Er sie ans Kreuz nagelte“.
Hebr.10.18: „Wo aber dafür eine Vergebung ist, gibt es kein Opfer für die Sünde mehr“.
Bewahren der Vergebung
Wenn uns die Sünden vergeben wurden, dann sind wir verpflichtet und fähig gemacht, auch den Mitmenschen zu vergeben. Wer dazu nicht bereit ist, geht seiner Vergebung verlustig, seine eigene Schuld wird ihm wieder angerechnet. Im Gleichnis vom „unbarmherzigen Knecht“ hat sich Jesus darüber sehr klar ausgedrückt und dazu aufgefordert, von Herzen zu vergeben (Matth.18.23-35). Wer seinem Nächsten nicht vergibt, obwohl der Herr ihm selbst alle Schuld vergeben hat, kommt laut diesem Gleichnis in die Hände der Folterknechte. Damit meinte Jesus Dämonen, die immer dann Macht und Einfluss bekommen, wenn man gegen das Wort ungehorsam ist, denn Ungehorsam ist wie Zauberei (1.Sam.15.23). Vergebung ist eine Entscheidung, nicht ein Gefühl. Wenn wir willig sind zu vergeben, dann können wir es auch und zwar von Herzen, so dass kein Stachel mehr zurückbleibt. Zu jedem Gehorsamsschritt gibt Gott Seinen Segen und schenkt das Gelingen. Viele Menschen, auch gläubige, sind gebunden in Krankheiten und Depressionen. Oft liegt der Grund darin, dass sie nicht bereit sind von Herzen zu vergeben. Es gibt auch Situationen, wo man sich selber vergeben muss, damit man wieder vorwärts gehen kann im Glaubensleben. Manche hadern sogar mit Gott und murren gegen ihr „Schicksal“ und die Führungen in ihrem Leben. Da ist es notwendig, auch Gott gegenüber Vergebung auszusprechen und anzufangen, für alles Dank zu sagen.
Vergib uns, wie wir vergeben.
So steht es geschrieben in Matth.6.12, im „Unser Vater“, in dem Gebet, das Jesus Seine Jünger beten lehrte. Es gibt eine ganze Anzahl Schriftstellen, in denen Jesus und auch die Apostel zur Vergebung auffordern. An dieser Stelle seien nur zwei Verse aus den Paulusbriefen erwähnt.
Eph.4.32: „Und vergebt einander, so wie Gott in Christus euch vergeben hat“.
Kol.3.13: „Und vergebt euch gegenseitig, wenn einer Klage gegen den anderen hat; wie auch der Christus euch vergeben hat, so auch ihr“.
Die Anforderungen sind hoch gesteckt, wir sollen vergeben, wie Gott und wie Christus uns vergeben hat. Dazu brauchen wir Hilfe, nämlich den Heiligen Geist, der uns die Grösse der Vergebung zeigt, die uns persönlich von Gott zuteil geworden ist. Vergebung ist etwas göttliches, nachtragen und Unversöhnlichkeit etwas teuflisches.
Busse
Wer Vergebung der Sünden erlangen will, muss seine Schuld anerkennen und vor Gott bekennen. Solange die Brüder Josephs sich in Ägypten als „redliche Leute“ ausgaben, konnte ihnen Joseph nicht begegnen. Erst als sie erkannten und bekannten, dass sie sich an ihrem Bruder Joseph versündigt hatten, ging er auf sie zu und sie konnten Vergebung empfangen und erfahren.
Luk.24.47: „Christus musste leiden und am dritten Tage auferstehen aus den Toten und in Seinem Namen Busse und Vergebung der Sünden gepredigt werden allen Nationen“.
Apg.2.38: „Tut Busse, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen“.
Selbstprüfung
Es ist sehr wichtig, dass wir uns jedes Mal prüfen, bevor wir am Mahl des Herrn teilnehmen. Es soll dabei keinerlei Bitterkeit in unseren Herzen sein. So sagt es Paulus in 1Kor 11.28: „Der Mensch aber prüfe sich selbst, und so esse er von dem Brot und trinke von dem Kelch“.
Aber nicht nur beim Mahl, sondern auch bei jedem Gebet soll es so sein. Jesus sagte in
Markus 11.25: „Und wenn ihr steht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemand habt, damit auch euer Vater, der in den Himmeln ist, euch eure Übertretungen vergebe“.
Dieses Schriftwort steht im Zusammenhang mit einer der grössten Verheissungen in Bezug auf Gebetserhörung (Berge versetzen). Unvergebung würde unsere Gebete behindern.
Eine kleine Rechnung
Nach jüdischer Vorschrift hatte man dem Bruder siebenmal pro Tag zu vergeben. Petrus fragte den Herrn, ob das genug sei. Der Mensch ist ja immer ein Minimalist. Vielleicht hätte er gerne gehört: „Einmal pro Tag genügt.“ Der Herr aber sagte: „Nicht siebenmal, sondern sieben mal siebzig mal“. Das gibt 490-mal pro Tag. Wenn wir das auf die „wache“ Zeit von 16 Stunden verteilen, gibt das 30-mal pro Stunde oder alle zwei Minuten. Ich glaube nicht, dass Jesus die Worte planlos sagte, sondern Er wollte damit ausdrücken, dass wir allezeit vergeben sollen. Wir sollen gewissermassen in einer Vergebungshaltung leben und dabei eingedenk sein, welche Schuld uns vergeben worden ist.
Ich weiss, es handelt sich bei diesem Thema um „Anfangslehre“, doch „Vergebung“ ist etwas so grundlegend Wichtiges, dass sie Paulus auch in den sogenannten „Vollkommenheitsbriefen“ (Epheser / Kolosser) erwähnt. Er erwähnt sowohl die Vergebung, die wir empfangen und zwar nach dem Reichtum Seiner Gnade (Eph.1.7; Kol.2.13), als auch unsere Vergebung denen gegenüber, gegen die wir Grund zur Anklage hätten (Eph.4.32; Kol.3.13). Die höchste Erkenntnis nützt uns nichts, wenn wir durch Unversöhnlichkeit unsere eigene Vergebung ungültig machen.