Ermahnen
Daniel Schenk
Das eine griechische Wort, das mit „ermahnen“ übersetzt wird, heisst „parakalein“ und ist verwandt mit „parakletos“, dem Wort, das die Bibel in Joh.14.26; 15.26 und 16.7 für den Heiligen Geist braucht und das Tröster oder Beistand bedeutet. Dies zeigt uns schon, wie Ermahnung geschehen und was sie bewirken soll, nämlich Beistand, Ermutigung und Trost. Ermahnung ist nicht Kritik und Kritik ist nicht Ermahnung.
Das andere griechische Wort, das meist mit „ermahnen“ übersetzt wird, heisst „noutheteo“ und bedeutet: mit Worten anweisen, warnen, zurechtweisen, ermahnen. Es steht im Urtext in folgenden Schriftstellen: Apg.20.31; Rö.15.14; 1.Kor.4.14; Kol.1.28; 3.16; 1.Thess.5.14; 5.12; 2.Thess.3.15.
Vieles von dem, was ich zum Thema „ermahnen“ schreiben möchte, ist im „Lexikon zur Bibel“ sehr gut formuliert. Deshalb zitiere ich in den folgenden Zeilen einen Teil davon:
Im NT wird „parakalein = Ermahnung“ in dreifachem Sinne verwendet:
1. Herbeirufen, einladen, zureden, bitten
Paulus ruft die Vornehmsten der Juden zu sich (Apg.28.20). Lydia lädt Paulus ein, in ihrem Haus zu bleiben (Apg.16.15). Die Freunde des Paulus reden ihm zu, sich nicht in Gefahr zu begeben (Apg.19.31). Die Menschen bitten Jesus, ihre Kranken zu heilen (Mark.6.56; 7.32; 8.22).
2. Zu etwas aufrufen, ermahnen, (freundlich) zurechtweisen
2.Kor.5.20: „So sind wir nun Gesandte an Christi Statt, indem Gott gleichsam durch uns ermahnt; wir bitten für Christus: Lasst euch versöhnen mit Gott!“
Phil.4.2: „Die Euodia ermahne ich, und die Syntyche ermahne ich, dieselbe Gesinnung zu haben im Herrn.“
1.Tim.5.1: „Einen älteren Mann fahre nicht hart an, sondern ermahne ihn als einen Vater, jüngere als Brüder; ältere Frauen als Mütter, jüngere als Schwestern in aller Keuschheit (Reinheit).“
Das Wort steht hier im geistlichen Sinne, insbesondere enthält es die Aufforderung zum rechten, heiligen Wandel (Apg.15.32; Eph.4.1). In diesem Zusammenhang trägt es nicht nur allgemein seelsorgerlichen Charakter, sondern die Ermahnung wird zu einem Element der Einzelseelsorge überhaupt (vgl. 1.Thess.2.11; 5.11).
In der Hauptsache ermahnen die Jünger Jesu ihre Brüder und Schwestern zu ganzer Hingabe an Gott, (Rö.12.1) zum Gebet (Rö.15.30), zur Wachsamkeit Rö.16.17), zur Zucht (Tit.2.6). Lehre und Ermahnung (1.Tim.4.2) sind zwei Hauptelemente evangelischer Predigt, wovon das Lehren in erster Linie auf Erkenntnis und Glauben, das Ermahnen auf Willen und Tat, d.h. den praktischen Lebenswandel, gerichtet ist. Wo die Förderung der Erkenntnis die Förderung der praktischen Bewährung mit einschliesst, da umgreift „das Ermahnen“ die ganze Predigt; Predigt und Wortverkündigung werden bisweilen mit den Wort Ermahnen wiedergegeben (Apg.20.2). Diese Ermahnung hat die Praktizierung des Evangeliums zum Ziel, das sich ja nie auf reine Wissensvermittlung beschränkt. Paulus geht darum noch weiter und fordert seine Mitarbeiter auf, besonders die, denen das Wort vertraut ist, den willigen Zuhörer zu ermahnen, den Unwilligen zu strafen (2.Tim.4.2; Tit.1.9). Diese Verbindung von Ermahnung und Zuchtübung in der Seelsorge wird bereits in der Predigt Jesu deutlich (Mt.18.15ff; vergl. auch Gal.6.1).
Das Ermahnen ist Hauptsächlich Pflicht der Lehrer und wurde von den Aposteln reichlich geübt (Rö.12.1; 1.Thess.4.10; 5.14; 1.Petr.2.11), ihren Schülern aufgetragen (1.Tim.4.13; 6.2; 2.Tim.4.2; Tit.1.9; 2.6+15), aber auch den Christen untereinander befohlen (1.Thess.5.11). Es ist ein gefährliches Zeichen, wenn in einer Gemeinde diese gegenseitige Förderung in der Heiligung aufgehört hat.
1.Thess.5.11: „Deshalb ermahnt einander und erbaut einer den andern, wie ihr auch tut.“
3. Ermutigen, trösten, ermuntern
(Mt.5.4; Apg.20.12; 2.Kor.7.6; 1.Thess.3.2; 4,18). Hier hat das Wort „parakalein“ (ermahnen) seinen tiefsten und schönsten Sinn. Es wird zum Träger göttlichen Erbarmens über menschliches Versagen und menschliche Mutlosigkeit (2.Kor.1.4).
Soweit der aus dem Bibel-Lexikon übernommene Text.
Ziel des Ermahnens
Die Ermahnung hat zum Ziel, jeden Menschen in Christus vollkommen darzustellen.
Kol.1.28: „Ihn (Christus) verkündigen wir, indem wir jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen in aller Weisheit lehren, um jeden Menschen vollkommen in Christus darzustellen.“
In Apostelgeschichte 20.31 lesen wir, wie intensiv Paulus den Dienst des Ermahnens in Ephesus ausgeführt hat, wenn er sagt: „Darum wacht und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Nacht und Tag nicht aufgehört habe, einen jeden unter Tränen zu ermahnen.“
Dass die Epheser die Ermahnungen angenommen haben und nicht gegen Paulus, ihren Ermahner, ausgeschlagen haben, zeigt uns die herzliche Verbundenheit beim Abschied (Apg.20.37+38). Auch der Epheserbrief und das Sendschreiben legen Zeugnis ab von einer gereiften und fundierten Gemeinde. Trotzdem mussten sie später (im Sendschreiben) vom Herrn selbst ermahnt werden, weil sie die erste Liebe verlassen hatten. Wir müssen immer offen sein für Ermahnung, dies auch dann, wenn wir im Glauben schon gereift sind.
Wer soll ermahnen?
- Gott ermahnt (durch uns) 1.Kor.5.20
- Jesus Christus Luk.3.18
- Der Heilige Geist
- Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten, Lehrer, Vorsteher und Älteste
- Die Gläubigen sollen sich gegenseitig ermahnen Rö.15.14; 1.Thess.5.11
Voraussetzung zum Ermahnen
Rö.15.14: „Ich bin aber, meine Brüder, auch selbst im Blick auf euch überzeugt, dass auch ihr selbst voll Güte seid, erfüllt mit aller Erkenntnis, fähig, auch einander zu ermahnen.“
Die hier aufgezählten Voraussetzungen zum Ermahnen sind:
- Voll Güte
- Erfüllt mit Erkenntnis
Wenn wir nur die Erkenntnis haben, können wir damit den anderen „überfahren“. Wenn wir nur von der Güte aus gehen, werden wir falsche Kompromisse machen, nur um den anderen fleischlich zu schonen und ihm Recht zu geben. Eine Ermahnung aber, die nur aus dem Gefühl heraus kommt und nicht auf biblischer Erkenntnis gründet, nützt dem anderen auch nichts. Sie gibt höchstens seinem Fleisch Recht und täuscht ihn somit.
Wozu ermahnt uns die Schrift?
- Im Glauben zu verharren Apg.14.22.
- Unsere Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer Rö.12.1.
- Auf der Hut zu sein vor denen, welche Spaltungen und Ärgernisse erregen Rö.16.17.
- In den Gebeten zu kämpfen für Errettung des Apostels aus Gefahr Rö.15.30.
- Dass ihr alle einerlei Rede führt und nicht Spaltungen unter euch seien 1.Kor.1.10.
- Lasst euch mit Gott versöhnen 2.Kor.5.20.
- Dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt 2.Kor.6.1.
- Der Berufung und Gottes würdig zu wandeln Eph.4.1; 1.Thess.2.11+12.
- Dieselbe Gesinnung zu haben im Herrn Phil.4.2.
- Dass Flehen, Gebete, Fürbitten und Danksagung getan werden für alle Menschen, für Könige und alle, die in Hoheit sind 1.Tim.2.1.
- Besonnen zu sein Tit.2.6.
- Dass ihr euch der fleischlichen Lüste, die gegen die Seele streiten, enthaltet 1.Petr.2.11
- Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist (für Älteste) 1.Petr.5.1.
Wert der Ermahnungen
Spr.6.23: „Ein Weg zum Leben sind Ermahnungen der Zucht.“
Spr.12.1: „Wer Ermahnung hasst, ist dumm.“
Wer Ermahnung ablehnt, verwirft ein Werkzeug, das Gott zu seiner Zurechtbringung und Förderung in die Gemeinde gegeben hat. Lasst uns darauf achten, dass wir den Dienst des Ermahnens nicht vernachlässigen, lasst uns ihn aber in Sanftmut und Liebe tun. Es gibt einen besonderen Dienst des Ermahnens und diejenigen, die diesen Dienst haben, sind aufgerufen, ihn nicht zu vernachlässigen.
Rö.12.8: „Es sei, der ermahnt, in der Ermahnung.“
Wir wollen die Geschwister, die diesen nicht leichten Dienst haben, unterstützen, und ihnen nicht in den Rücken fallen, das würde für uns und für die Gemeinde keinen Segen bringen.
Hebr.13.22: „Ich bitte euch aber, Brüder, ertragt das Wort der Ermahnung!“